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Mexico, 21. Januar 1913

Mein lieber Freund Fröhlich!

Ich erhielt Deine liebe Karte aus Florenz, von Deiner Hochzeitsreise und freute mich darüber ganz besonders, denn dass Du bei einer solchen Reise an mich gedacht hast, ist Dir hoch an­zuschlagen.

Ich hoffe, dass Dir als altem Reiseerfahrenen unter so angenehmen Begleitumständen die Italientour recht gut gefallen hat und verfehle nicht, Dir nochmals recht herzlich Glück zu wünschen, Dir und Deiner geschätzten Lebensgefährtin, welche ich bei meiner nächsten Reise kennen zu lernen hoffe. Allerdings weiss ich noch nicht, wann ich mich mal wieder los reissen kann. Vor der Hand wird meine Tante, welche nun über 6 Jahre hier ist, mit meiner kleinen Tochter eine Erholungsreise nach drüben antreten, und zwar Mitte März. Sie wird im Laufe des Sommers auch nach Lautern kommen.

Leider kann ich nicht weg, denn meine Associe ist seit September in Paris und Südfrankreich und wird wohl noch ein paar Monate wegbleiben. Er wollte in Paris unsere Modeeinkäufe besorgen, musste aber gesundheitshalber darauf verzichten und mir telegrafieren, dass ich schleunigst einen der Prokuristen sende. Nun habe ich aber eine andere als die früher übliche Politik, möglichst viel Oberpersonal zu haben, befolgt und schon seit Jahren darauf hingewirkt, die „Gewalt“ mehr zu centralisieren. Aus 3 Teilhabern und 4 Prokuristen sind jetzt 2 und 2 geworden und nun will es der Zufall, dass wir hier oben gerade 1 Chef und 1 Prokuristen haben. Du kannst Dir denken, was da Einem Alles vor die Flinte kommt. Dazu noch bei der gar nicht enden wollenden Revolution.

Die Geschäfte des verflossenen Jahres waren recht zufriedenstellend, wenn auch nicht glänzend, denn man hat gegen Mexico in Europa und den USA ein grosses Misstrauen, was uns, die wir das Vertrauen nicht benötigen, in den Stand setzt, mit unseren Capitalien besser wirtschaften zu können.

Vor einigen Tagen starb die Schwiegermutter meines Socius, der nun ein grosses Kapital (ich taxiere es auf 1 Million) erbt und dann natürlich etwas Besseres zu tun haben wird, als Litzchen zu verkaufen. Dann tritt für mich die Notwendigkeit heran, noch länger hier tätig sein zu müssen. Ich hatte gedacht, mit der jetzigen Contractperiode zurückzutreten, aber es wird schwerlich gehen, denn unsere Kapitalisten drüben werden mich jedenfalls halten. In dem Fall möchte ich aber nächstes Jahr, wenn es irgend geht, eine kurze Europareise machen und es wird mich sehr freuen, einmal wieder das alte Lautringen zu sehen.

Zu Hause geht es uns gut. Meine Mutter fühlt sich wohl, ob sie aber für einige Jahre noch hier bleibt, bezweifle ich, denn ihr fehlt das deutsche Leben. Die Kinder machen gute Fortschritte, und ich könnte ganz zufrieden und glücklich sein, wenn ich nicht manchmal an mein eheliches Pech dächte. Na, es muss jeder Mensch eine Stelle haben, wo ihn der Stiefel drückt.

Was macht O & C ? Ich hoffe bald einen langen Brief von Dir zu erhalten, voll von Neuigkeiten. Grüsse mir vielmals die alten Freunde und Bekannten von der Firma und sei selbst herzlichst gegrüsst von

Deinem alten Freund!
C. Reichert

Der Brief Reicherts vom 21. Januar 1913. Reicherts schrieb fast alle seiner Briefe mit der Maschine und benutze stets Vorder- und Rückseite des Blatts.