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México, 17. Juli 1913

Mein lieber Fröhlich!

Es hat mich sehr gefreut, durch meine Tante und mein kleines Gör mal wieder direct etwas von Lautern gehört zu haben. Beide sind in Hubers Begleitung am 7. ds. in Veracruz ange­kommen, haben sich glänzend erholt und Jedes brachte einen Gewichtszuwachs von 5–6 Kilo mit. Das möchte ich mir auch mal wünschen, denn ich bin noch genau so dick oder dünn, wie damals, wo ich von Lautern weg bin.

Ich möchte Dir meinen herzlichsten Dank für die liebenswürdige Aufnahme meiner Reisenden ausdrücken und bitte Dich, dies auch Herrn Ottmann und Familie auszusprechen, bis ich Ihnen selbst schreibe. Besonders meine Kleine weiss nicht genug Rühmenswertes zu erzählen. Ich hätte etwas darum gegeben, wenn ich hätte selbst dabei sein können, denn es sind nun 7 Jahre, dass ich nicht mehr dorten war & so wie die Dinge liegen, werde ich so schnell auch nicht wieder hinkommen, denn ich bin leider hier sehr nötig und hätte auch selbst keine Ruhe, in so bewegten Zeiten das Steuer abzugeben. Wenn dann was schlimmeres passierte, würde ich mir ewig Vorwürfe machen.

Unsere Verhältnisse hier sind noch immer entsetzlich verworren und man sieht gar kein Ende. Man hat allgemein die Überzeugung, dass die Vereinigten Staaten schüren und mit so mächtiger Hilfe fällt es der Regierung natürlich schwer, gegen den Tohuwabohu anzukommen.

Doch ich will Dir nicht zu viel von Politik erzählen, denn ich hörte, dass Du einmal einen Brief von mir veröffentlicht hättest und da muss ich mich sehr in Acht nehmen. Ich darf wohl als Privatperson sagen, was ich will, in meiner Eigenschaft als Generalkonsul geht das aber nicht. Wenn ich also einmal auf die Zustände schimpfe, so geht das nur Dich an. Man kann da nicht vorsichtig genug sein. Es liegt mir zwar nicht viel an meiner Würde, denn sie bringt so manche Last mit sich, aber es ist mir lieber, ich lege sie einmal selbst nieder, als dass man abgesägt wird.

Meine Tante wird Dir wohl erzählt haben, dass sie ihre Rückreise früher als vorgesehen antreten musste, weil meine Mutter immer mehr abmagerte und der Arzt sagte, sie müsse nach drüben, da seiner Ansicht nach eine Operation nötig werden würde. Ich wollte sie daher schon Mitte Juni abreisen lassen, aber sie weigerte sich, wegzureisen, bevor ihre Schwester wieder hier wäre. Da blieb mir also nichts übrig, als zu telegrafieren. Ich war in Veracruz, um sie abzuholen, konnte mich aber nicht entschliessen, meine Mutter hinunterzubegleiten, denn Veracruz ist jetzt der reinste Backofen. Es ging ohne mich, da der Director der Deutschen Schule mitfuhr, der auch nach drüben auf Urlaub ging. Hoffentlich wird die Operation nicht nötig, wenn aber, so hoffe ich, dass sie sie gut übersteht und dann wieder zurückkommt. Sie hat doch natürlich bei mir mehr Bequemlichkeit, als sie sich dorten schaffen kann.

Die Verhältnisse liegen ja leider so, dass ich jetzt nicht daran denken kann, nach Beendigung meines Contracts (Mitte 1915) mich zurückzuziehen, denn die traurigen Zustände haben uns natürlich manche Schlappe verursacht und den Verdienst böse mitgenommen. Auch der Umstand, dass mein Partner schwer geerbt hat und nun sogar noch ein Jahr früher austreten will, spielt mit und die Kommanditäre des Hauses werden nicht zugeben, dass die Leitung direct auf die Prokuristen übergeht, am allerwenigsten in solchen Zeiten, wo enorm aufgepasst werden muss. Zu allem Pech haben wir auch wieder [Fortsetzung fehlt]

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Mexiko, 4. April 1911

Lieber Fröhlich!

Ich erhielt Deinen l. Brief vom 3. und 22. pti und danke Dir zuerst für Deine Glückwünsche. Wenn ich nur wüsste, wer mir das eingebrockt hat!! Ich wäre Dir für eine Richtigstellung sehr verbunden, denn ich erhielt von allen möglichen  Seiten Zu­schriften und werde darin so gewissermassen als Schullehreras­sistent gefeiert, der seinen Piepmatz sich abge­sessen hat. Ich bin in allererster Linie Kaufmann und das will ich bleiben. Mein Metier ändere ich nur in das des Ren­tiers um und es tut mir leid, dass der Artikel so undeutlich ist. Du selbst kannst meine Stellung der Schule gegenüber nicht verstehen, wie sollen das die anderen ehemaligen Schulkollegen!

Also ich sende Dir anbei eine kurze Notiz, die ich Dich bitte, der „Presse“ mitteilen zu wollen. Wenn schon diese Herren von einem alten Landsmann Notiz nehmen, so sollen sie es wenigstens richtig tun. Sonst denken sie ja wohl in Bayern nicht an die Staatsangehörigen. Die Reichsregierung ist darin entgegenkom­mender und sucht nationale Bestrebungen im Ausland zu stützen und anzuerkennen. Ich dachte es mir s. Zt., weil bei mir ange­fragt wurde, ob ich noch bayerischer Untertan sei, das alte Va­terland, d.h. das engere, würde sich meiner erinnern, das war aber ein kleiner Irrtum.

Die Sache liegt so: Unsere Realschule wird durch freiwillige Beiträge seitens der Kolonie, besonders durch die ersten deut­schen Geschäftsfirmen gehalten, denn die Schülerbeiträge rei­chen nicht aus. Auch zahlt die Reichsregierung einen hohen jährlichen Beitrag (momentan M 16000). Den Verwaltungsrat, der dem Reich gegenüber als Behörde figuriert, bilden 5–6 Chefs der ersten Firmen. Ich bin seit 3 Jahren Mitglied des Verwaltungs­rats und führe die Geschäfte mit dem Titel „Verwalter“. Gleich­zeitig bin ich 2. Vorsitzender des Verwal­tungsrats. Es sind na­türlich Ehrenämter. Ich übernahm mein Amt, als die Schule in grosser Gefahr war, infolge finanziel­ler Nöte zu stranden und mit vieler Mühe gelang es mir, sie wieder flott zu machen. Aus diesem Grund verlieh mir die Reichsregierung den Orden. Ein Vergnügen ist die Verwaltung nicht und compliziert ist der Zau­ber auch, da man sich auch dem technischen Teil natürlich etwas widmen muss. Ich war vor einigen Tagen in der Commission zur Prüfung der Einjährigen,i die 5 Mann hoch bestanden.

Es wäre mir lieb, wenn meine Lauterer Bekannten wüssten, dass ich dieses Ehrenamt verwalte neben meiner Haupttätigkeit als Chef unseres Hauses. Der Name „Calzada de la Piedad“ ist die Strasse, wo sich die Schule befindet.

Also tue mir den Gefallen und berichtige das. Solltest Du der Verbrecher des Artikels sein (was ich mir gar nicht denken kann, denn Du bist ein besserer Kenner der Verhältnisse), so sehe ich es als verdiente Strafe für den Artikel an, nun diese Richtigstellung zu veranlassen. Warst Du es nicht, de­sto bes­ser, dann tust Du mir wohl den Gefallen, nicht wahr?

Die Verhältnisse hier sind recht eigentümliche, aber man wird aus alle den übertriebenen Nachrichten gar nicht klug. Das bis­herige autokratische Regiment erlebt nun seine Früchte und der Brotkorb wird etwas niedriger gehängt. Es ist aber, bis jetzt, lange nicht so schlimm, wie es gemacht wird und eine grosse geschäftliche Schädigung ist noch nicht stark zu mer­ken. Wohl aber wird das kommen, wenn es noch eine Zeit lang so andauert. Und es hat ganz den Anschein.

Für Deine Bemühungen wegen des jungen Mannes nochmals meinen Dank. Ich werde die Cigarretten im Gedächtnis behalten. Deine Lokalnotizen interessieren mich sehr und ich bitte Dich, sie von Zeit zu Zeit fortzusetzen, aber ein wenig ausführlicher.

Für die dem Bürgermeisteramt gegebene Auskunft besten Dank. Sollte sich solche wirklich auf den Orden beziehen?

Bassler geht im Mai für kurze Zeit nach Hause und kommt jeden­falls auch nach Lautringen. Er hat sich in ein ganz war­mes Nest gesetzt und wird sicher vorankommen, denn es ist ein gutes Geschäft.

Meine Stiefmutter wird sich Ende ds. Mts. nach hier auf den Weg machen, um bei mir zu bleiben. Es könnte sein, dass sie wegen der Erhebung der Pension nicht weiss, wem da Vollmacht geben. Ich habe ihr gesagt, wenn sie Auskunft brauchte, solle sie sich an die Firma O & C wenden! Wenn Ihr etwas für sie tun könnt, bitte ich Dich darum.

Für heute schliesse ich und bin mit herzlichen Grüssen

Dein alter Freund
C. Reichert

i Die Mittlere Reife, so genannt weil sich mit diesem Schulabschluss der ansonsten dreijährige Wehrdienst auf ein Jahr verkürzte.