35

den 8. 2. 1924

Lieber Freund Karl!

Dein Brief vom 18. Januar, es ist der Tag der Reichsgründung, erreichte mich gestern Abend, und da ich gerade ein Viertel­stündchen Zeit habe und in den nächsten Tagen doch nicht dazu komme, möchte ich ihn gleich beantworten. Die Angelegenheit mit Deinem Bruder betrachte ich als erledigt und bitte, Dich dar­über nicht weiter aufzuregen, denn ich bin ja nicht weiter al­teriert und wollte mich nur Dir gegenüber rechtfertigen. Die Hauptsache ist ja mein gutes Gewissen und meine Bereitwillig­keit, Dir gegenüber jederzeit gefällig zu sein, und wenn Du mich für die Folge statt zu „bitten“ zu irgend etwas „aufforderst“, geschieht es jedesmal mit Vergnügen, denn es ist doch selbstverständlich, dass man sich gegensei­tig gefällig ist, wo man nur kann.

Für Deine Bemühungen betreff St. Francisco-Adressen danke ich Dir verbindlichst. Antworten der betreffenden Firmen sind bis jetzt noch nicht da.

Sehr leid tut es mir, aus Deinem Brief zu ersehen, dass Ihr jetzt auch schlechte Zeiten durchmachen müsst. Aber ich hoffe gerne mit Dir, dass die Revolution nach Ankunft dieses Brie­fes beendet ist, denn die Zeitungsnachrichten lassen erken­nen, dass durch das Eingreifen Amerikas die Ruhe doch wieder hergestellt werden wird. Im übrigen ist es ja leider Tatsa­che, dass die ganze Welt in politischer und zum Teil auch wirtschaftlicher Beziehung auf den Kopf gestellt ist. Was wir hier augenblick­lich erleben, schreit zum Himmel und es ist nur sehr gefähr­lich, alles brieflich so zu schildern, wie man es auf dem Her­zen hat. Eine unbefugte Zensur kann grosse Un­annehmlichkeiten bringen (Gefängnis und Ausweisung).

Erfreut war ich gestern ausserordentlich, in den „Hamburger Nachrichten“ zu lesen, dass sich die Deutschen, speziell die Rheinländer und Pfälzer, in Mexiko in einer Eingabe an den amerikanischen Präsidenten gewendet haben, um bezüglich des Rhein­landes und der Pfalz Hilfe von Amerika zu erflehen. Es freut mich dies umsomehr, als ich wohl vermuten darf, dass Du an der Sache nicht ganz unbeteiligt bist. Nach den neuesten Nachrich­ten, die heute die Zeitungen bringen, scheint England doch stark zu bleiben, nachdem der engl. Generalkonsul Clive sein Material in der Pfalz selbst gesammelt hat. Unser Volk ist augenblicklich in tiefster Not und an der ganzen Tragödie ist das Traurigste, dass die Mehrzahl der Deutschen, die in ihrem Un­tertanenverstand kein politisches Verständnis haben, die Motive dieser Tragödie nicht erkennen wollen, weil sie tatsächlich zu feige dazu sind. So wird weiter gewurstelt und alle Arbeit hilft nichts, solange die Parteien und Parteien­grüppchen wie Kegel- und Kartengesellschaften für sich egoistische Politik treiben. Es ist notwendig, dass die ganze Welt etwas ethischer denken lernt im Sinne jenes Christentums, das Jesus gelehrt hat und nicht derjenigen Religion, die in diesem Weltkriege so furchtbar Fiasko gemacht hat. Der liebe alte Gott war bei jedem unserer Feinde sowohl wie bei uns selbst der erste Bundes- und Kampfgenosse. Er sollte Eng­land strafen, Frankreich vernichten und uns den Frieden brin­gen und alles ist umgekehrt gegangen. Man hat sogar von Sei­ten christlicher Pfarrer den Krieg und den Mord verherrlicht, und der Krieg ist doch nichts weiter wie ein grosses Morden, ein Morden, wie es die grössten Bestien nicht besser voll­bringen können. Ich habe für mich, der ich immer ge­recht und wahrlich christlich trotz meiner jüdischen Abstammung dachte und handelte, das Gefühl, dass es mit unserer Jugend, soweit sie nicht in das nationalsozialistische Fahrwasser kommt, doch besser wird.

Es gibt natürlich in dieser Beziehung sehr viel Arbeit. Nament­lich in der Schule. Dort muss angefangen werden, wenn nicht die ganze Kultur Europas zu Grunde gehen soll. Ich kann Dir nach­fühlen, wenn Du angesichts all dieser Verhältnisse auf einer entlegenen Insel als Einsiedler leben möchtest. Aber das geht einmal nicht. Der einzelne Mensch muss in sich selbst die ver­dammte Pflicht fühlen, mitzuhelfen, das wieder auszu­bauen, was Unglaube, Sittenlosigkeit, Raub- und Geldgier ver­nichtet haben. Im Grossen und Ganzen genommen, war der Welt­krieg weiter nichts als ein Geschäftskrieg für Grossindu­strie und Hochfinanz. Es wurde überall gesündigt. Deutschland wollte allerdings den Krieg im August 1914 nicht, hat aber doch an der Nichtverhinderung desselben ein gerüttelt Maß von Schuld, al­lerdings das Volk nicht, sondern nur der wahnsin­nige Kaiser Wilhelm II. –

Und nun Schluss für heute. Mit den besten Grüssen, auch von meiner Familie, an Dich und die Deinen, verbleibe ich

Dein alter Freund
A. Fröhlich

34

Mexiko, 18. Januar 1924

Mein lieber Fröhlich!

Ich empfing Deine l. Zeilen vom 22. und 27. Dezember und bin über die Briefschreiberei meines Bruders nicht allein sehr er­staunt, sondern peinlich berührt. Du bist so freundlich, Deine Zeit dafür zur Verfügung zu stellen und das wird von dem guten Mann mit dummen Schreibereien beantwortet.

Du hast sicher recht, wenn Du da jemand anders vermutest der hinter der Sache steckt, denn mein Bruder ist ein guter Kerl, der nur den Brief unterschrieben hat, denn er ist nicht fähig, so was zu verfassen. Jedenfalls hat er sich bei mir ge­waltig geschadet, denn er hatte mir einen verzweifelten Brief geschrie­ben, so als ob er dicht vor dem Selbstmord stünde. Er wollte auswandern und so was. Und nun scheint er nur darauf aus gewe­sen zu sein, sich Geld zu verschaffen. Wenn er Le­bensmittel nö­tig gehabt hätte, so brauchte er keine wertbeständige Währung, wie er da quatscht! Und Franken sind bei allen Schwankungen doch eine Währung, die auf die Dauer wohl sicherer ist, wie Rentenmark. Ob für alle Zeiten, das kann Niemand sagen, aber sicher für die kurze Zeit, wo mein Bruder das Geld nötig hatte, wenn anders es wahr war, dass er so schlecht ab war. Aber mit 60–70 Franken die Woche braucht man wohl noch immer nicht zu verhungern und zu verzweifeln.

Ich glaube, die allermeisten Leute drüben sind nicht allein hochgradig nervös und unzurechnungsfähig geworden, sondern sie haben auch die Ansicht, dass die Welt und speciell die Freunde und Verwandten im Ausland direkt die Verpflichtung haben, für sie einzuspringen. selber haben sie aber nie etwas getan, um ihren Verwandten zu helfen, wenn diese es nötig ha­ben. Du darfst es meinem Bruder deshalb nicht so sehr ver­übeln, wenn er in seiner Dummheit danebengehauen hat, und ich werde Dich be­stimmt in Zukunft verschonen mit derartigem Kram, der mit mei­nen lieben Verwandten zusammenhängt. Ich sagte Dir schon ein­mal, es ist scheusslich, was man da Alles erleben muss. Betteln tun sie permanent an Einem herum, aber dann tun sie sich auch noch dicke und spielen den stolzen Mann.

Mein Bruder, hinter dem seine mir wenig sympathische Frau steckt und ihn treibt, hat sich mit dieser Geschichte einen sehr schlechten Dienst getan, und wenn er das gewusst hätte, hätte er es wohl gelassen. Jedenfalls bin ich mit Deinen Mass­nahmen absolut einverstanden & es bleibt mir nur übrig, Dir nochmals zu danken und um Entschuldigung dafür zu bitten, was Andere verbockt haben.

Was die fragliche Lebensmittelsendung betrifft, so hatte ich Dich nicht aufgefordert, solche zu machen, von „Aufforderung“ kann doch Dir gegenüber nie die Rede sein, sondern höchstens von einer Bitte. Ich frug damals bei Dir an, ob die Verhält­nisse es erlaubten, Sendungen nach dem unbesetzten Gebiet zu machen. Da ich keine Antwort erhielt und nach inzwischen hier eingetroffenen Nachrichten annehmen musste, dass solche Sendun­gen sehr erschwert oder direkt unmöglich seien, machte ich Be­stellungen bei Harder & de Voss, Hamburg. Der betr. Brief ist wohl verloren gegangen, und ich sende Dir keine Co­pie, weil er sonst nichts Wesentliches enthält.

Ich habe die Firma R.G. Dun & Co (Auskunftsfirma ersten Ran­ges in Newyork) und auch die British-America Bank in San Francisco gebeten, gute Dry-Fruit Exporthäuser an Deine Firma zu verwei­sen und denke, dass Du schon bald Nachricht erhalten wirst. Wir selber haben ja mit dem Artikel nichts zu tun und für uns ist auch Frisco von gar keiner Bedeutung, sodass wir nur oberfläch­liche Beziehungen da haben. Wir hatten früher da eine Firma für die ostasiatischen Seiden etc. Verschiffungen, seit aber die Toyo Kisen Kaisha und sonstige Far East Linien den mexik. Hafen Manzanillo anlaufen, verladen wir billiger direkt nach hier via Manzanillo oder Salina Cruz.

Hier sieht es mal wieder sehr bös aus und die letzten Wochen waren die schwersten, die ich hier seit fast 29 Jahren mitge­macht habe. Vor 10 Jahren hatten wir gefährlichere Zustände, aber geschäftlich wirkte sich das nicht so sehr (aus), weil man damals seine ganzen Unkosten in Papier bezahlen konnte, was eine sehr geringe Abnahme an Goldwerten bedeutete. Man hatte des Krieges wegen keine Waren unterwegs, wenigstens was von Be­deutung gewesen wäre, infolgedessen keine Passiva und nichts zu zahlen. Heute ist es ganz anders: die Unkosten in Gold, hoher Bankdiskont, kein Geld, grosse Warenmengen unterwegs, die nun sehr exponiert in den Häfen lagern, ohne die hierherbringen zu können, abgeschnitten von allen Distrikten, wo wir verkaufen können und grosse Aussenstände haben, von denen (wir) absolut nichts hereinbekommen. Unsere Kontrakte mit den Fabriken drüben müssen wir einhalten und die Facturen gleich in Berlin zahlen und hier geht nichts ein.

Es ist eine scheussliche Lage und selbst wenn die Sache, wie es jedoch nicht den Anschein hat, bald zu Ende geht, und selbst wenn  wir keine Verluste an Sendungen erleiden, wird dieses Bi­lanzjahr wieder einmal keinen Gewinn geben. Wir müs­sen da um­sonst arbeiten, weil 2 Kerle, die absolut auf den Präsidenten­sessel wollen, nicht warten wollen, bis die Zeit der Wahlen kommt, sondern schon vorher das ganze Land wieder in Durchein­ander bringen. Die Menschen sind so dumm, dass man anfängt, Ekel vor dem ganzen Geschlecht zu bekommen. So was Verlogenes und Scheinheiliges, Grausames, findet man bei kaum einem Tier. Am liebsten sässe ich auf einer kleinen Insel und sähe nichts mehr von Politik, Demokratie und sonstigen Weltbeglückungs­ideen, die alle auf Betrug hinausgehen. Jener schwedische Ge­sandte hatte ganz Recht, der seinem Sohn sagte: Du ahnst nicht, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird. Jedes kaufmänni­sche Geschäft, das mit so wenig Sachkenntnis geleitet wird, wie die meisten Länder, müsste sofort bankrott machen. Die ganze Welt scheint an einer Epidemie zu kranken, denn gesunde Men­schen können doch nicht so viel Blödsinn ma­chen, wie das heut­zutage fast überall geschieht.

Doch was nützt es? Die Welt geht ihren Lauf und man möchte manchmal an unseren Herrgott verzweifeln, der so unglaubliche Geschichten zugibt. Ich betrachte die heutigen Zustände di­rekt als einen Beweis des vollständigen Versagens des christ­lichen Gedankens, der doch wirklich einen guten Fond hat, aber es ge­hören wohl bessere Menschen dazu. Und wo sind die?

Na, für heute habe ich genug philosophiert und geklagt, aber wenn man getreten wird, so muss man einmal schreien gegen so viel Ungerechtigkeit, wie (sie) heute auf der Welt herrscht.

Hoffentlich bricht der Gedanke, dass es so nicht weitergehen kann, und der schon hie und da schüchtern sich vorwagt, sich bald Bahn, denn dieses Leben ist eine Schweinerei und nicht alle der Sorgen wert.

Ich verbleibe mit vielen herzlichen Grüssen an Dich und Deine werte Familie, sowie die Herren Schneider und Heger stets

Dein alter Freund!
C. Reichert

33

Mexico, 5. Jan. 1924

Mein lieber Freund Adolf!

Ich komme heute zur Erledigung Deiner freundlichen Zeilen vom 19. Nov. & 6. Dez. In Letzterem sagst Du, dass mein Brief vom 13. Nov. noch nicht eingetroffen war, als der Deinige abging. Ich hoffe, dass der Brief nebst Einlage von 50 Dlr inzwischen noch angekommen ist, sende Dir aber für den Nein-Fall anbei Co­pie meines Briefes, sowie Duplikat des Checks. Meine Neujahrs­grüsse wirst Du wohl in Gestalt der An­sichtskarte meiner Ter­rasse erhalten haben? Ich wünschte, ich könnte ein­mal auf- & abwandeln darauf mit Dir, um alte Erinnerungen aufzufrischen! Die Terrasse befindet sich im 5. Stock des Geschäftshauses & gehört zu meiner Wohnung. Sie ist 20 Meter lang & 6 Meter breit & ich laufe da jeden Morgen auf und ab, rauche meine Ci­garre & lese die Zeitung, oder brüte irgendet­was aus. Schwierige Geschichten überdenke ich da morgens, wo man frisch ist & unge­stört.

Vorgestern sandte ich Dir ein Schreiben des hiesigen Frauenver­eins an Herrn Dr. Haury nebst einem Check von Dls 100.- für bedürftige Schüler des Gymnasiums. Hoffent­lich hat diese Sen­dung etwas Freude gemacht. Die Liste der Verteilun­gen habe ich mit Interesse stu­diert & gar mancher Name kommt mir bekannt vor. Es fiel mir eine Witwe Philipp Hess auf. So viel ich mich erin­nere, war der Mann früher unter meinem Va­ter tätig, sein Sohn ist, glaube ich, Bahnmeister. Der Mann hat sich ge­gen mei­nen Vater sehr schofel benommen, aber ich sehe gern, dass seine Witwe den Sohn des Geschädigten doch brauchen kann.

Von hier kann ich Dir augenblicklich geschäftlich nur Un­günstiges sagen. Wir bekamen mal wieder wie ein Blitz aus hei­terem Himmel eine Revolution, die unseren Engros lahm­gelegt hat, 1 Monat ist schon vorbei & wenn sie auch nur noch 1 Monat andauert, ist die Arbeit eines ganzen Jahres vernich­tet. Das sind die Segnungen der demokratischen Be­strebungen in einem Land, dessen Bevölkerung zu 90 % dafür absolut un­reif ist.

Zu Hause wenigstens geht es Gottlob gut. Mein Töchterchen ist sehr glücklich, wie es aussieht, denn sie kommt immer strah­lend an. Die beiden Zwillinge arbeiten im Geschäft ihren Stiefel weiter & der Älteste, der Hawaianer, schreibt zufrie­den. Er wird Ende des Jahres zurückkommen & ich will dann se­hen, ob ich ihm eine Kuhwirtschaft kaufe. Zum Kaufmann hat er keine Nei­gung.

Wie geht es Herrn Schneider & Heger? Sie sind nun auch die jüngsten nicht mehr. In der nächsten Woche werde ich auch schon – leider – 51 alt. Die Zeit läuft & viel zu schnell, aber man kann’s nicht ändern! Für heute schliesse ich. Viele herzliche Grüsse & gute Wünsche für Dein & Deiner Familie Wohlergehen von

Deinem
C. Reichert

Anbei die Namen der Frisco-Firmen, wie
sie die Auskunfts-Firma Dun aufgibt.

32

México, 19. Nov. 1923

Mein lieber Freund Adolf!

Ich schrieb Dir am 13. & 16. ds. & empfing soeben Deine l. Zei­len vom 27. Okt. wegen des Bahnmeistervereins. Wie ich Dir schon sagte, bin ich für Alles zu haben, was die Not von alten Bekannten in etwa lindern kann & bitte Dich, mich gar nicht zu fragen.

Du bist so freundlich gewesen, meine Bitte um Deine In­tervention in dieser Sache zu gewähren & kannst das tun, was Du für richtig hälst: das einzige, was ich nicht will, ist sozialistisch/ kommunistisch/ antisemitischen Dreckskram zu unter­stützen: na, das tust Du ohnehin nicht!

An meine Verwandten etc. habe ich inzwischen durch Harder & de Voss, Hamburg, Lebensmittelsendungen machen lassen. Ich habe bei Dir angefragt, da Du aber nichts darauf sag­test, nahm ich an, daß nach dem unbesetzten Gebiet von Euch aus kaum daran ge­dacht werden kann. – Anbei sende ich Dir einen weiteren Check von Dls 25.-, den Du, wenn Du das für richtig hälst, ganz dem Bahnmeisterverein überreichen kannst.

Sei so gut & belaste mir alle durch mich entstehenden Un­kosten.

Anbei ein Brief von Frau Mangold: sei so gut und lasse ihr für einige Dollar Esswaren geben.

Hier sieht es wieder einmal faul aus. Politik ist schon mehr höhere Schweinerei & das am wenigsten Geeignete (um mich sehr zart auszudrücken) kommt bei der verdammten Demokratie in die Höhe. Demokratie ist theoretisch eine schöne Sache, nur schade, daß die Politiker in der Praxis ganz was Anderes dar­aus drehen! Die Menschen müssen immer irgend einen Blödsinn haben, dessent­wegen sie sich die Köpfe blutig schlagen.

Ohne Mehr für heute, bin ich mit herzlichen Grüßen

Dein alter Freund!
C. Reichert

31

MEXICO, 15. Novbr. 1923

Mein lieber Freund Fröhlich!

Kaum war mir mein Letztes vom 13. ds. (wovon anbei ein Durch­schlag) weg, als Dein lieber Brief vom 24. October eintraf.

Du schreibst mir darin über die Verteilung der kleinen Stiftun­gen, und ich muss Dir vor Allem mein Kompliment machen über die Art und Weise, wie Du den Kram angepackt hast. Da liegt doch noch Sinn und Verstand drin und man kriegt wieder etwas Ver­trauen, denn was man sonst von drüben in die Finger bekommt, grenzt gewöhnlich an gei­stige Dekadenz. Jedenfalls freue ich mich, eine so bril­lante Vermittlung in Dir gefunden zu haben, der nicht einfach das Geld hinauswirft, was ja ziemlich einfach ist, sondern sich liebenswürdigerweise einer grossen Ar­beit un­terzieht. Habe vielen Dank dafür.

So ganz schwach kann ich mich noch an die von Dir erwähn­ten Persönlichkeiten erinnern und es ist mir lieb, wenn durch diese Sache der Name meines von mir verehrten Va­ters wieder einmal genannt wird und man durch ihn, sozu­sagen aus dem Grab heraus, nochmals etwas Gutes erhält.

Der Techn. Staatslehranstalt hatte ich zur Studentenspei­sung am 31. 3. den Betrag von 1 Mill. überwiesen, wie ich Dir glaube, geschrieben zu haben. Ich fürchte, dass man das Geld nicht in Werten angewandt hat, sondern liegen liess, bis es fast nichts mehr wert war. Das ist schade, denn damals ko­stete eine Million Mark immer noch einiges in Gold. Es ist mir leider mit diversen solchen Rimessen so gegangen, denn die Betreffenden legten das Geld auf die Bank, statt sich gleich was zu kaufen. Aber da kann ich nichts dafür.

Was den Bahnmeisterverein betrifft, so bin ich, wie Du, auch kein grosser Freund von Vereinsmeierei, es sei denn, dass der Verein auch wohltätige Zwecke verfolgt. Trifft das bei dem B.V. zu, so kannst Du gerne etwas tun, und ich überlasse es Herrn Walther, mir mal zu schreiben, denn ich würde dann noch direkt etwas unternehmen.

Es wäre mir lieb, wenn Du der alten Frau Mangold auch et­was an Lebensmitteln übersenden könntest, vielleicht zu Weihnach­ten. Sei so gut und denke auch daran.

Also wiederholt meinen herzlichsten Dank, lieber Freund, für Deine Unterstützung, die Dir an dem Liebeswerk einen sehr we­sentlichen Anteil sichert, sodass wir Beide uns nichts wegen der verursachten Arbeit vorzuwerfen brau­chen. Es wäre mir pein­lich, Dich Deiner intensiven Be­schäftigung durch diese Ge­schichten entziehen zu müssen, wenn ich nicht wüsste, dass Du es gerne tust.

Ich benütze noch die Gelegenheit, um Dir und Deiner lie­ben Fa­milie und der Firma O & C für das Neue Jahr gute Gesundheit zu wünschen und der Hoffnung Ausdruck zu ge­ben, dass das neue Jahr eine Besserung der traurigen Ver­hältnisse bringen möge.

Viele Grüsse von Deinem alten Freund
C. Reichert

30

México, 13. November 1923

Lieber Adolf!

Ich erhielt Deine lieben Zeilen vom 29. Aug. und hoffe, dass Dir Dein Aufenthalt in Freudenstadt gut getan hat. Herr Krell schrieb mir vor wenigen Tagen, Du habest ihm aufgetragen, mir zu sagen, dass Du mir nächstens schrei­ben würdest. Hoffent­lich lässt Dich das Geschäft bald dazu kommen.

Nun erhalte ich heute einen Brandbrief von meinem Bruder Hein­rich, Schillerstr. 27, Ludwigshafen, dem wohl schleu­nigst ge­holfen werden muss, denn es muss ihm recht schlecht gehen. Ver­stehen kann ich es nicht ganz, denn sein Sohn, der jetzt hier ein Speditionsgeschäft hat, sagt mir oft, dass er seine Eltern unterstütze. Mein Bru­der meint, er wolle mit seiner Frau und Tochter hierher­kommen, was aber in seinem Alter eine gewagte Sache ist. Ich bin sehr gegen solche Versuche, die mehr Verzweif­lungsanfälle sind. Ich habe es hin und her über­legt, aber es geht nicht. Gewöhnlich stellen es sich die Leute auch anders vor, als es hier de facto ist und dann kommt die Enttäu­schung.

Ich erlaube mir nun, Dich wieder zu piesacken, indem ich Dir anbei einen Check über 50 Dlr sende, mit der Bitte, Dir mei­nen Bruder kommen zu lassen (ich schrieb ihm, er solle zu Dir fah­ren) und ihm Geld und/oder Lebensmittel dafür zu geben. Viel­leicht kannst Du ihm mal einen Rat geben, was er in sei­ner Lage tun soll, denn ich kann das leider von hier aus nicht. Sei so gut und sehe mal zu, ob nichts für ihn zu ma­chen ist.

Nach Erhalt Deines Briefes mehr, da ich Heutiges noch mit der Post weg haben möchte und damit keine Zeit verloren wird.

Am 24. heiratet mein Töchterchen. Weiteres im nächsten Brief. Inzwischen vielen Dank im Voraus und beste Grüsse,

auch an Deine Frau und die alten Kollegen von O & C.

Dein
C. Reichert

29

México, 25. Mai 1923

Lieber Freund Fröhlich!

Ich erhielt nacheinander Deine l. Zeilen vom 21. April & 1. Mai, deren Inhalt ich, wie immer, mit Interesse las.

Dass die Kette zu Deiner Zufriedenheit ausgefallen ist, freut mich sehr. Für die übersandten Münzen danke ich Dir bestens: ich habe eine kleine Sammlung von hiesigen Mün­zen und Schei­nen aus den Zeiten der Papierwirtschaft, die auch manche unange­nehme Erinnerung hervorrufen, aber so tief war selbst Mexico mit der unglaublichen Papierfabri­kation nicht gekom­men, wie das arme Deutschland. Ich will mich in den Briefen an Dich jeder bitteren Bemerkung ent­halten, denn Du sollst nicht in Ungelegenheiten durch mich kommen.

Was den Hausbau in Frankenhausen angeht, so bedaure ich auch, es nicht Dir gesagt zu haben, aber ich habe Dich schon genü­gend gepiesackt und man soll die Güte Anderer nicht missbrau­chen. Unser Berliner Prokurist versteht nichts, wie seine Einkäufe für die Detailabteilung, sonst taugt er nichts. Ich habe im October aus diesem Grund noch einen unserer hiesigen Prokuri­sten nach Berlin ge­schickt, der die allgemeine Leitung incl. Finanzen bekom­men hat, denn Schmidt ist darin „unglaublich“. Zu seiner Entschuldigung lässt sich nur anfüh­ren, dass man selten einen guten, denkenden Finanzmann fin­det. Kaum kommen die Leute drüben an, so haben sie schon die ganze Lehre von Mexico ver­gessen, oder fangen an, zu denken, wie dorten die meisten, die den ganzen Schwindel immer noch nicht verstehen.

Für den übersandten Ausschnitt wegen meines Geschenks danke ich Dir bestens: es freut Einen doch, wenn man in der Lage ist, et­was Gutes zu tun. Allerdings erlebt man auch manche unangenehme Überraschung, meistens bei Ver­wandten, die von einander hören, was der eine und was der andere erhält und dann geht die Eifer­sucht los. Nun, man tut, was man kann und wem es nicht passt, der soll ins Pfefferland gehen.

Was das Geld von Alverdes angeht, so habe ich in der Eile mei­nen Brief vom 6. April gar nicht mehr durchgelesen, denn leider enthält er verschiedene Schnitzer. Ich meinte, wenn Alverdes das Geld zurückgibt (eine Möglich­keit, mit der ich nicht rechne), so solltest Du es zu seiner Verfügung lassen oder noch besser, es gar nicht annehmen, er soll ruhig damit arbeiten und sehen, dass er resp. seine Frau keine Jammer­briefe schreibt. Wenn er also mit dem Geld kommt, sage ihm, er solle es ruhig be­halten und damit arbeiten, das war meine Absicht. Ich will es gar nicht mehr haben.

Mein kleines Guthaben in Mark bei Euch kannst Du ihm auch über­senden nach Abzug Deiner Unkosten für Porti etc. Wenn Du es für richtiger hälst (!), kannst Du es auch verschenken, ganz wie Du willst. Sollten sich die Leute an mich wen­den, so glaube ich Dich richtig verstanden zu haben, wenn Du mir gestattest, das Geld an Dich zu senden, damit Du selbst dispo­niert, ob die Be­treffenden dazu würdig sind oder ob es sich nur um Schnorrer handelt. Neulich erhielt ich einen Brief von einem Herrn Hargesheimer aus Tripp­stadt, dem ich einige Dol­lars sandte. Ich glaube, es war ein Bekannter meines Vaters.

Wenn Du es für richtig hälst (!), würde ich gerne einen Be­trag stiften zu Ehren meines alten Herrn, der mir leider so früh entrissen wurde, so etwa 250 Dollars. Gibt es da eine pas­sende Gelegenheit?

Die Sommerfrische in Cuernavaca habe ich sehr genossen, nur hat sie mir ein gänzlich unerwartetes Ereignis ge­bracht, die Verlo­bung meiner Tochter, die mir absolut überraschend kam. Ihr Bräutigam heisst Veerkamp, der mit seinem Bruder hier ein Musikinstrumentengeschäft en gros hat, speciell Vertretung der Mundharmonikafabrik M. Hoh­ner, Trossingen. Die Leute sind fi­nanziell recht erträg­lich ab und wirklich gediegene Menschen. Das versöhnt mich mit dem Gedanken, mein Kleines ver­lieren zu müssen. Sie wollen im September heiraten, und ich bin dabei, mich in die Rolle des würdigen Schwiegervaters einzuarbeiten. Ganz leicht fällt mir das nicht.

In diesen Tagen erhielt ich einen Brief von Arthur Ott­mann, der sehr klagte, er habe fast nichts zu leben. Was hast Du für Nachrichten über ihn? Ist er wirklich so mi­serabel ab? Bassler, Oscar Ottmann & ich habe ihm einen Check gesandt, um ihm eine kleine Freude zu machen.

Für heute schliesse ich. Halte Dich munter und lass bald wie­der von Dir hören.

Beste Grüsse von Haus zu Haus, speciell an Dich von

Deinem alten amigo
C. Reichert